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HAW Hamburg, Kostümdesign

Mai 2016

Stille Deklamation - verharrendes Posieren als Mittel dramatischer Darstellung.

Video 12``

Abb. Daguerreotypie eines Filmstills

Schlussbetrachtung: Drama oder Langeweile
Der Titel dieser Arbeit, Stille Deklamation: verharrendes Posieren als Mittel dramatischer
Darstellung, beinhaltet die Bezugnahme in der Darstellung auf eine dramatische Vorlage, die
hier Der Spieler als Roman erfüllt. Doch was genau ist das Drama? Umgangssprachlich lässt
sich bei vielerlei Situationen das Wort Drama verwenden; sei es für die Suche nach dem
unauffindbaren Haustier65 oder für einen familiären Konflikt, der sich in einer Diskussion
oder in einem Streit der beteiligten Familienmitgliedern äußert. Letzteres kommt dem Begriff
dramatische Kollision nahe, den Hegel benennt.66 „Drama ist demnach Konflikt zwischen von
Menschen repräsentierten Haltungen."67 Das Dramenverständnis kann am Beispiel des
Theater weiter erläutert werden: ein spannendes Drama wird zur Aufführung gebracht; wie
man es oft in tagesaktueller Presse lesen kann. „Im Kriterium der Spannung lebt das
klassische Dramenverständnis, (...). Exposition, Steigerung, Peripetie, Katastrophe. (...)."68
Somit ist in der Klassifizierung von Theater von der Wertepolarität Dramatisch - Langweilig
zu sprechen.69In der vorliegenden Arbeit geht es maßgeblich um diese Langeweile, die als Gegensatz zur
dramatischen Handlung, mit Aktion und Geschehnissen gesehen werden kann. Dem
Zuschauer ist nicht viel geboten. Diese Entschleunigung und Konzentration, das Aushalten der Stille und das nichts passiertsteht in einem großen Gegensatz zu den gängigen Theater- oder Kunstrezeptionen mit denen wir es zu tun haben: Intermedialität beschreibt hier häufig den simultanen Einsatz
verschiedener Medien, die vom Betrachter eine Aufmerksamkeit an verschiedenen Orten
gleichzeitig erfordern. Eine Überforderung ist maßgeblich. Diese, von geographischer und
inhaltlicher Simultaneität geprägten Rezeptionserlebnisse, im zeitgenössischen Theater oder
der bildenden Kunst werden in der vorliegenden Arbeit komplett eliminiert und die
Aufmerksamkeit auf eine einzige Situation gelenkt: das Erblicken. Sowohl erblickt der
Darsteller den Zuschauer als auch umgekehrt; der Darsteller erblickt den Zuschauer. Auch
wenn das Video kein reales Erblicktsein ermöglicht, und dieses nur simuliert, so ist es doch
integraler Bestandteil des formalen wie auch inhaltlichen Anspruchs: Das Drama entsteht im
sich erblicken. Der Zuschauer wird zum Mitglied der Generalsfamilie, er wird von dieser
erblickt und befindet sich somit in der Situation des Beteiligten und des Mittäters70.
"Drama ist Konflikt zwischen von Menschen repräsentierten Haltungen."71 Diese Aussage
bezieht sich somit in der vorliegenden Arbeit keinesfalls ausschließlich auf die Darsteller,
sondern maßgeblich auf die Zuschauer. Die Haltung der Zuschauer, zum Gesehenen, bedingt
das Drama. Deren Imagination verwehrt der Darstellung die Langeweile.
Über die Imagination des Zuschauers und seine individuelle, imaginierte Geschichte kann
jedoch letztlich nur spekuliert werden.

65 vgl. Hans-Thies Lehman: Postdramatisches Theater. Frankfurt am Main 1999, S. 52.
66 ebd. S. 52.
67 ebd. S. 52.
68 ebd. S. 50.
69 ebd. S. 50.
70 vgl. Jan Deck: Paradoxien des Zuschauens. Die Rolle des Publikums im zeitgenössischen Theater. Bielefeld
2008, S. 9.
71Hans-Thies Lehman: Postdramatisches Theater. Frankfurt am Main 1999, S. 52.